Die Leute fragen mich immer, was ich studiert habe. Je nachdem, was so als Smalltalk-Thema auftritt, wird gemutmaßt, dass ich Mathematiker, Physiker, Chemiker, oder am allerliebsten Informatiker sei. Manchmal auch mehreres auf einmal. Stimmt nur nicht. Ich hatte bis jetzt zwar ein Abitur (ein ziemlich schlechtes), aber kein Studium. Eine Tatsache, die bis jetzt nur meinen Opa gestört hat. "Junge", sagt er hin und wieder, "du musst was anständiges lernen, sonst wird aus dir nichts". Dass er dabei ignoriert, dass ich seit meinem 17. Lebensjahr mein eigenes Geld verdiene, macht mir nichts.

Letztes Jahr um diese Zeit habe ich mich trotzdem eingeschrieben, aus ganz pragmatischen Gründen. Es gibt dann nämlich ein Semesterticket. Zum Preis von etwas über 270 Euro kann ich quer durch Berlin fahren, das ist wesentlich günstiger als das regulär gekaufte 3-Zonen-ABC-Abo-Ticket. Eine gewisse Knauserigkeit liegt mir eben im Blut. Ich habe also öffentliche Verkehrsmittel mit angestrebtem Abschluss Zwangsexmatrikulation studiert. Von Unis hielt ich nicht so viel.

Das Problem ist nur: Irgendwann faszinieren einen Dinge und lassen einen nicht mehr los. Wie etwa Legenden um tote Physiker. Anfangs reicht Youtube noch, um sich in 12 mal 90 Minuten die Grundlagen der Tensoranalysis am Beispiel der Allgemeinen Relativitätstheorie reinzuziehen. Nur: Je weiter es einen in physikalische Spezialgebiete verschlägt, desto mehr wünscht man sich, nicht alles immer googlen zu müssen, sondern es einfach zu wissen. Was zur Hölle sind Bra- und Ket-Vektoren? Popov-Geister? Die Christoffelsymbole in der Schwarzschildmetrik? Was mir fehlt, ist eine grundsolide Ausbildung in Physik, ein anständiges Studium, den ganzen Kram mal 2-3 Jahre lang in aller Ruhe lernen. Wie gut, dass ich schon eingeschrieben bin. Das Wintersemester ging vor einem Monat los und ich musste feststellen - man hat es an den fehlenden Blogposts gemerkt - das es ziemlich hart ist, neben dem Job noch zu studieren.

Exemplarischer Tag letzter Woche: Um 8 Uhr aufstehen, um 9 Uhr gehts los in die Uni, nach einer Stunde Fahrtzeit sitze ich dann in meiner Vorlesung. 90 Minuten Theoretische Physik, anschließend Lineare Algebra, ich beobachte den Professor dabei, 200 ambitionierten Erstsemestlern und einem Nerd im Halbschlaf die Menge der natürlichen Zahlen zu erklären. Um 14 Uhr dann von der Uni direkt ins Büro, unterwegs schnell Fastfood-Nahrungsaufnahme. Mein Essen ist wahlweise die China-Nudelbox mit dem halbgaren Hühnchen, Döner der vor Soße trieft, oder die Pappbrötchen vom Bürger-König. Glücklicherweise habe ich flexible Arbeitszeiten, aber wenn ich was schaffen will, bin ich um 15 Uhr da und um 21 Uhr wieder weg. Heute fährt mich ausnahmsweise die Limo nach Hause, dank Stau dauert das dummerweise länger als mit den Öffentlichen. Nächstes Mal wieder U-Bahn. Zuhause bin ich kurz vor 22 Uhr. Essen, Schlafen, von vorne. Am Wochenende liegengebliebene Arbeit nachholen und Übungsaufgaben rechnen. Freizeit: Keine. Starkes Verlangen nach einem Hermione-Style Stundenglas setzt ein.

Resultat des Experiments: Das kann man 3 Wochen lang aushalten, dann wird es unangenehm. Der Wunsch, den Kram einfach hinzuschmeißen und in ein paar Jahren, wenn das Unternehmen endlich verkauft ist, neu anzufangen, steigt exponentiell. Andere Option: Das Leben wird einer Revisionsprüfung unterworfen. Überflüssiges streichen. Wie kriege ich mehr Freizeit? Der Job wird jetzt etwas runtergefahren. Vor knapp einem Jahr war ich die IT-Abteilung, jetzt gibt es ein Team. Also weniger machen. Die Vorlesungen sind zwar ganz nett anzusehen, aber nicht überlebenswichtig, die Grundlagen kenne ich ja. Also weg damit!

Übrig bleibt eine richtig gechillte 50-Stunden-Woche.