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"Ihr Anliegen ist uns sehr wichtig, bitte haben Sie noch etwas Geduld" - Ich wartete bereits 39 Minuten und ich bezweifelte, dass mein Anliegen ihnen wirklich wichtig war. In der Zeit, die mir die telefonische Legebatterie von Vattenfall bis jetzt gestohlen hat, hätte ich eigenhändig ein Kabel vom Kraftwerk in unsere Wohnung verlegt. Und nebenbei das eine oder andere Callcenter-Hühnchen gerupft. Langsam und qualvoll. Ich wollte meine gedanklichen Gewaltphantasien weiter ausmalen, wurde jedoch unterbrochen. "Danke, dass Sie gewartet haben, Herr Fenske. Ich habe Rücksprache mit der Fachabteilung gehalten, aber wir sind leider nicht zuständig." - Natürlich nicht - "Sie müssten bei Ihrem Stromversorger anrufen, die müssen dann einen Auftrag an uns erteilen und dann schicken wir einen Techniker raus". Meine Laune sank von -270 Grad auf den absoluten Nullpunkt. "Hören Sie, gute Frau: Wenn ich beim Stromversorger anrufe, sagen sie, ist die Hausverwaltung zuständig. Wenn ich bei der Hausverwaltung anrufe, ist der Netzbetreiber zuständig und wenn ich dann beim Netzbetreiber, also bei Ihnen anrufe, ist wieder der Stromversorger zuständig. Ich befinde mich seit 2 Tagen in einer Endlosschleife und alles was ich will, ist den Strom geliefert zu kriegen, den ich bezahle." - Ihr Gehirn war mechanisch, denn man konnte es durch die Leitung rattern hören, aber das Ergebnis gefiel mir nicht: "Tut uns Leid, da kann ich Ihnen auch nicht weiterhelfen". Mein erster Gedanke: Abfackeln! Das ganze Callcenter abfackeln. Aber die Vernunft obsiegte. "OK, danke für Ihre Bemühungen, auf wiederhören."

Dem Haustechniker zufolge fehlte die Sicherung zu unserer Wohnung. Direkt vor dem Zähler. Dafür sei Vattenfall zuständig, die seien die einzigen, die das dürften. Dazu braucht es eine hochqualifizierte Fachkraft. Kein Normalsterblicher ohne eine dreijährige Ausbildung ist in der Lage, so eine Sicherung einzusetzen. Zumindest nicht, ohne sich dabei in Steak medium zu verwandeln, mit einem zarten rosa Streifen in der Mitte.

Nachdem ich 2 Tage lang insgesamt 30 Mal mit sämtlichen Hotlines telefoniert hatte, war ich bereit zu allem. Notfalls auch zu Steak zu werden. Der Stromzählerkasten war im Treppenhaus und mit einem simplen Zylinderschloss gesichert. 2 Minuten hielt es meinem Pickset stand. Nicht umsonst war ich damals bei den Sportsfreunden der Sperrtechnik e.V. gewesen. Einem Verband, der aus Spaß Schlösser öffnete. Das hier verstieß in hohen Maßen gegen die Vereinsstatuten. Jetzt hatte ich freien Blick auf die Hausverteilung.

Über meinem Zähler befanden sich diverse Schraubfassungen. Eine davon war leer. Im Schein meiner Handyleuchte war die kryptische Aufschrift gerade so zu lesen. Endlich Ansatzpunkte für meine Recherche. Ich rief im Baumarkt an. "Ene Sicherung für 35 Ampere? Nee... Sowat hammwa nich. Da brauchense n Elektriker für." - Bullshit. Ich glaubte ihm kein Wort. Wir fuhren direkt zum Baumarkt. Und dort traf ich ihn wieder. Als ich ihn abermals nach der Sicherung fragte, erkannt er mich. Die Antwort blieb gleich. Meine Einstellung auch. Ich bat ihn dennoch, mich zum Regal mit den anderen Sicherungen zu führen. Und dann - genau in Augenhöhe: Die Schrift ätzte sich schon fast in meine Netzhaut: Der heilige Gral! Ein 35 Ampere 500 Volt Schmelzsicherungseinsatz DIAZED D3 für E33 Fassungen. Jenes, den Sterblichen völlig unbekannte Artefakt, dessen sich die Elektrofachkraft bedient, um ganze Wohnblöcke zu erhellen. Ein Gegenstand, von dem der durchschnittliche Baumarkt-Mitarbeiter nicht den Hauch einer Ahnung hat, ja, sich nicht einmal seiner Anwesenheit bewusst ist. Und damit war mein Problem gelöst. Ich habe uns selber angeschlossen. Und ich lebe.

Mein Vater, seines Zeichens Elektriker und ein handwerkliches Allroundtalent, kannte bei solchen Gelegenheiten nur eine Weisheit: "Alles Idioten! Alles muss man selber machen". Und genau darauf läuft es hinaus.